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Das Tal
der Kürbishäuser

Es ist wieder Herbst. Herbst heißt Erntezeit. Das wäre nicht unüblich, wenn nicht ein Teil der Ernte aus Kürbissen bestehen würde. Viele Kürbisse sind ganz normal aber einige werden so groß wie Häuser. In ihnen lässt es sich wunderbar wohnen. Jede Familie hier wohnt in einem Kürbis. Zur Erntezeit bleiben die Riesenkürbisse natürlich an ihrem Platz, der das neue Grundstück einer Familie wird.

Hinweis für Erziehungsberechtigte 

Die Geschichten drehen sich viel um dörfliches Leben, Natur und Landwirtschaft. Auch Themen der alternativen Ver- und Entsorgung sind selbstverständlicher Teil der Geschichten, ohne eine Klimaschutz- oder Naturschutzbewegung anzuzetteln. Die Leute wohnen in ihren Kürbissen, weil es nun mal so ist. Weil sie in einem entlegenen Tal wohnen, Sonne, Wind, Wasser und Natur haben und eine geringe Einwohnerdichte, versuchen sie, wenn es Sinn macht, alles vor Ort herzustellen. Das Thema autarke Versorgung ist bei allen ländlichen Kommunen immer aktuell. In Ländern oder Regionen mit einem instabilen Netzausbau sowieso. Es ist nicht belehrend und es geht mehr darum, wie viele Bienen man für einen Liter Honig braucht und wie gefährlich es sein kann, eine Photovoltaikanlage auf einem Kürbis selbst zu installieren. Dass Kürbispflanzen eingefahrene Wege saisonal beeinträchtigen können, mag dem zu Tiefsinn geneigten Leser zu abenteuerlichen philosophischen Niederkünften bringen. Jedes Kind fragt sich irgendwann, wo sein Abwasser landet. Hier im Mikrokosmos wird es auch irgendwie plausibel sein müssen. Es soll unterhaltsam sein und leicht lesbar – und vorlesbar. 

Einleitung

Kürbisse sind toll. Sie wachsen schnell heran, die Pflanzen haben große Blüten und Blätter und wenn man sie ernten will, muss man weder buddeln, noch auf den Baum steigen. Aus Ihrem Fleisch kann man Suppe machen, es zum Salat essen oder einen Kuchen backen. Aus einigen Kürbisarten werden die Kerne gepresst und das Öl als Salatöl genutzt. Auch Vögel essen Kürbiskerne gern und die Kühe und Schweine auf den Bauernhöfen essen auch gern Kürbis. In die Schale kann man lustige Gesichter schnitzen und die ausgehöhlte Frucht an Halloween beleuchten. Das passt gut, denn die Kürbisernte findet immer im Herbst statt und da ist auch Halloween. All hallows‘ eve. Der Abend vor dem Fest für alle Heiligen und das Gebet für die Vorfahren. Aber auch ein Dank an die Ernte und die Zeit, wo die Tiere des Hofes wieder für den Winter in die Ställe kommen. Die Tiere, die man gegessen hat, wurden komplett verwendet und auch ihren Knochen verbrannt und die Asche enthielt wertvollen Dünger für die Gemüsegärten. Alles ging und kam in irgendeiner Form wieder und machte Sinn. Die Bonfires, die Lagerfeuer waren es auch, an denen man sich schaurige Geschichten erzählte. Geschichten, die besonders schaurig waren, wenn eine Kerze in einem Kürbis flackerte, in den eine Fratze geschnitten war.

Charly kennt das Problem der Kürbisernte nur zu gut. Er kann die großen Kürbisse in seinem Tal, in dem er wohnt, nicht anheben. Keiner kann das, denn sie sind so groß wie Häuser. Und wenn ein Kürbis im Tal so groß wie ein Haus ist, dann wird daraus auch ein Haus gemacht. Das ist viel Arbeit aber jedes Haus, auch wenn es kein Kürbis ist, zu bauen, macht Arbeit. Die Riesenkürbisse wachsen nur hier im Charlies Tal und nirgendwo sonst auf der Welt. Man kann es nicht sehen, man kann es vorher nicht wissen, ob ein Kürbis zu einem Riesenkürbis heranwachsen wird.

Vielleicht liegt es an den Samen der Kürbisse. Jedenfalls kamen keine Riesenkürbisse dabei heraus, wenn andere Samen hier gepflanzt wurden. Die Kürbisse blieben klein. Noch nie ist ein Kürbis aus dem Tal als Samen oder junge Pflanze woanders eingepflanzt worden. Schon viele Diebe haben versucht, Kürbiskerne zu stehlen, um es zu versuchen. Das Tal hat aber zwei Polizisten, die bisher jeden Dieb auf frischer Tat erwischt haben. Das war einfach. Das Tal hat nur einen Ausgang und die Kerne werden in der Ölmühle, die mit der Kraft des Wassers angetrieben war zu Kürbiskernöl verarbeitet. Der Polizist und sein Bruder wohnen mit ihren Familien in der Mühle, deren Wasserkraft an den restlichen Tagen im Jahr für die Herstellung von Strom benutzt wurde. 

Der Polizist war eigentlich Kriminalkommissar aus der 30 Meilen entfernten Stadt. Als sein Bruder, der Müller sich beim Bergsteigen einen Arm gebrochen hatte und nicht arbeiten konnte, half er ihm während der Ernte und bei dem Mahlen von Kürbiskernen. Seine Familie war begeistert. Die Kinder können fast überall spielen.

Autos gibt es direkt im Dorf nicht, weil am Ortseingang von Rettich, so heißt das Dorf, ein Parkplatz für die Bewohner, Besucher und Lieferanten angelegt worden war. Das war notwendig, den jedes Jahr wachsen einige Kürbisse zu Riesenkürbissen heran und deren Strunk, Äste und Blätter wachsen kreuz und quer, dass sich die Wege dann manchmal nicht befahren ließen. Jedes Jahr sieht es im Tal anders aus und die Wege sind aus Sand. Nur dort, wo schon viele Kürbishäuser eng zusammenstehen, wurden feste Flächen gebaut, wie auf dem Dorfplatz oder in der Kürbisgasse. Auf dem Dorfplatz soll kein neuer Kürbis mehr wachsen, das wurde einstimmig beschlossen, damit man einen Ort hat, den man immer für Feste, den Wochenmarkt und für Notfälle nutzen kann, falls doch mal ein Auto bis hierhin muss. Die Kürbisgasse ist eine Gasse mit kleinen und großen, eng an- und ineinander gewachsenen Häusern auf beiden Seiten. Auch das war nicht geplant. Sie wuchsen alle in einem einzigen Jahr.

Häufig am Abend treffen sich die Dorfbewohner im Dorfgasthof von Rettich. Die Kinder haben dort einen eigenen Spielkürbis. Das ist praktisch, wenn es draußen regnet oder schneit.

Die Kürbisse sind nicht nur besonders groß, ihnen macht auch der Frost und der Schnee nichts aus. Dennoch müssen die Häuser gepflegt werden. Alle fünf Jahre gehen die Hausbesitzer mit Freunden und Nachbarn heran und wachsen ihre Häuser. Mit Bienenwachs aus alten Waben der Honigbienen polieren sie den Kürbis. Das hilft, Risse in der harten Schale zu verhindern und dass sich Wasser und Eis dort festsetzen kann. Auch Moos, das sich allmählich auf der windgeschützten Seite der Kürbisse bildet, kann an ihm nicht haften, wenn er gut gewachst ist. Um ein Haus zu wachsen braucht man fünf große Eimer Wachs. Das ist so viel, wie  zweihunderfünfzigtausend Bienen hier im Tal im Jahr produzieren. Das klingt nicht viel, aber jedes Jahr werden mehr Häuser eingewachst und bei den älteren Häusern wachst man auch schon mal jedes zweite Jahr. 

Die vielen Millionen Bienen fallen im Tal gar nicht auf, auch wenn alles summt und brummt. Alles ist voller Blüten bis in den späten Herbst hinein und der Winter ist hier nur kurz und mild.

Die Bienen haben alles, was sie brauchen. Nur um die Kürbisblüten zu befruchten, mussten sehr viele Bienen Pollen sammeln und weitertragen. Die Kürbisblüten sind größer als der Vater von Charly und der ist schon ziemlich groß.

 Die Wiesen  sind voller Blumen und blühender Kräuter und die Obstbäume duften und blühen auch. An den Wegesrändern stehen zwischen den Bäumen Sträucher mit Beeren. Auch die brauchen die Bienen für ihre Blüten.

Keiner der hier wohnt, will von hier weg. Außer dem Bürgermeister. Nur wenige wissen, warum er wegwill. Charly weiß es nicht.

Das Tal schmieg sich lang und mit sanften, grünen Hügeln mit Wiesen und Wäldern an hohe Berge, die es fast vollständig von der Außenwelt versperren.

Der höchste Berg ist der Mount Courntey mit eintausendvierhundertdreiundvierzig Metern. Das ist nicht hoch, aber die Gebirgskette ist zu steil, um einfach darüber zu laufen.

Im Tal liegt ein See schimmernd zwischen den aufgehenden Bergen, der Dark Lake. Er heißt so, weil er sehr tief und an einigen Stellen meistens von den Bergen verschattet wird. Er hieß aber auch so, weil es dunkle Geschichten über ihn gibt. Seltsame Tiere, vor allem sehr alte und große Fische, die zu Legenden wurden, weil man nur glaubte, sie gesehen oder fast geangelt zu haben. Andere Tiere kennt jeder im Tal. Da ist der alte Smitty, der Paddelfisch. Er ist bestimmt drei Meter lang und er hat eine Schnauze wie ein Paddel. Er schwimmt häufig an der Mühle herum und lässt sich sogar mit der Hand füttern. Man spricht aber auch von einem riesigen weißen Stör, der drei Mal so groß wie Smitty sein soll. Er wurde nur sehr selten gesehen und ist immer nur kurze Zeit im Jahr im See. 

Das Tal wird durch den kleinen Fluss, den Dark River, geteilt. Der Fluss heißt nur so, weil er durch den Dark Lake fließt. An dem Fluss gibt es überhaupt nichts Dunkles oder Düsteres. Er ist flach, zumindest im Bereich des Dorfplatzes und fließt nicht schnell. Er hat Buchten mit Wasserpflanzen, die auch blühen. Sein Grund ist kiesig an den Stellen, wo das Wasser schgrünen Wiesen gehen direkt runter bis an das Wasser. Nur zwei Brücken gibt es im Tal. Die eine ist eine schmale Holzbrücke für Fußgänger. Die andere wurde an der Mühle gebaut und ist auch zu schmal für Autos. Deswegen standen zwei kleine Karren auf der anderen Seite des Dark River.

Auf der Seite der Mühle gibt es viel weniger Kürbishäuser als auf der Dorfseite. Keiner weiß, warum. Aber das Kürbishaus von Charlies Familie steht hier. Und nicht irgendwo. Es liegt oben auf einem Hügel oberhalb der Mühle. Von hier kann man fast das ganze Dorf überblicken, den Fluss und einen Teil des Dark Lake. Hinter Charlies Kürbis sind Almen. Die Bauern bringen ihre Kühe dort zum Grasen und die Kühe bleiben dort fast das ganze Jahr, wenn es keinen plötzlichen Wintereinbruch gibt. Dahinter werden die Berge wieder steiler und direkt am Fluss beginnt ein Wald, der in einem Nebental bis zu den Bergen erstreckt und immer düsterer wird. Der Wald ist voll von Wildtieren und anderen Vögeln als im Rest des Tals. Und es gibt Pilze. Viele Pilze, die auch etwas zu groß geraten sind. Pilzsaison ist mehr als die Hälfte des Jahres, aber die beste Zeit, mit den  schönsten Pilzen, ist vom September bis November. Da ist es im Wald noch warm und es wird feuchter. Im Wald regnet es mehr als im Haupttal. Der Wind treibt die Wolken bis zu den Bergen und dort, über dem Wald regnen sie ab. Häufig sieht man einen Regenbogen über dem Wald. 

Charly ist nicht oft im Wald. Was soll er da. Seine Freunde wohnen im Dorf und auch wenn das Dorf nur sechshundertdreissig Einwohner hat, ist immer was los. Wer behauptet, man müsse in den Wald, um zu klettern, oder um Baumhäuser zu bauen, ist noch nie auf einer gigantischen Kürbispflanze herumgeklettert, im Sonnenschein, hoch über einer Blumenwiese.