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Der Duft von Mord

Der Delfin – Mörderische Panik

Schrifteinstellung

An einem sonnigen Morgen in schon warmen, späten Apriltagen schlüpfte ein Entenküken aus seinem Ei. Sie wusste noch nicht, dass sie Tapsi heißen würde, denn Enten geben ihren Kindern erst nach dem Schlüpfen ihren Namen.

Der Delfin ging zurück in die Bäckerei, kaufte vier weitere Croissants, ging mit dem Hund nach Hause und kochte eine neue Kanne Kaffee. Das Wetter war gut und Mobbel ging geradewegs durchs Wohn-, Ess- und Arbeitszimmer auf die große Terrasse, die zum Innenhof lag. Er hatte dort mehrere Plätze und war hier an der frischen, windigen Luft im fünften Stockwerk lieber als in der Wohnung. Der Delfin stellte noch zwei Tassen auf den Esstisch und tauschte ihren Kaffeebecher durch eine Tasse aus. Es roch nach frischem Kaffee und warmen Croissants. Der Geruch von nassem Hund verflüchtige sich schnell oder wurde von den angenehmeren Gerüchen überdeckt.


Gerüche waren dem Delfin wichtig. Einerseits waren sie die angenehmen Begleiter eines geordneten Lebens mit strukturierten Ereignissen, die sich wie ein DNA-Strang durchs Leben zogen und man immer wieder auch gleiche Fragmente stieß, die in unterschiedlicher Frequenz und Anordnung erschienen; andererseits waren es genau diese Unterbrechungen oder Wandlungen von Routinen, die Veränderungen des Individuums oder des Umfelds genauso markierten; wie Geräusche.

Würde es hier um kurz vor neun Uhr morgens nicht nach Kaffee oder nassem Hund riechen, wären beide nicht zuhause oder der Hund tot. Dass der Delfin auf Tee umgestiegen und der Hund shampooniert und geföhnt wäre, war auszuschließen. Hier war es eindeutig. Bei den Fällen, die der Delfin aus Interesse bearbeitete, war nichts auszuschließen. Jede voreilige Beurteilung hätte das Bild zu früh verzerrt und die Wahrheit zöge wie ein namenloser Streifen am getunnelten Blickfeld des Ermittlers vorbei.

„Der Ermittler“. Der Begriff, gerade, wenn genderkorrekt als „die ermittelnde Person“ bezeichnete, legte offen, was das Problem laufender Ermittlungen war: Die Person, der Mensch mit all seiner geschulten Vorgehensweise, überlagert von Erfahrung über das andere, aber auch menschliche Sein, das es anhand von Mustern und Bezügen zu identifizieren galt.

Alle Verfahren und Erfahrungen unterlagen dem gleichen Prinzip, dass es wahrscheinlicher erfolgreicher, weil zielführend und/oder schneller war, irgendeine Systematik anzuwenden, als planlos in den Heuhaufen zu greifen, um die Nadel mit Glück zu finden. Jeder wusste das, und doch wurde in jeder Ermittlung, egal wie weit sie fortgeschritten war, auch kurz mal gegrapscht, ob es vielleicht schon einen Glückstreffer geben könnte. Erreicht wurde genau das Gegenteil. Das Grapschen wurde entweder als generell richtige Intuition gewertet und sich mehr auf diesen Bereich des Heuhaufens konzentriert oder das Gegenteil, die zweite Variante, in der dieser Bereich zu großräumig als „sauber“ bewertet wurde. Der Jagdtrieb führte zu Schüssen und Schlüssen und diese zu Prädispositionen, die das Ordnungssystem störten. Ermittlung ist diffiziler. Wenn man es mit geometrischen Handlungsräumen oder mit Mengenlehre erfolgreich schaffte, ein Verbrechen aufzuklären, wäre der Delfin generell nicht gefordert oder geeignet. Sie hielt ihre Sinnesorgane aufmerksam für die Eindrücke, die ihr begegneten. Nur so hätte sie ein getarntes Chamäleon in einer schwedischen Fußgängerzone erkannt, ohne es erwartet zu haben. Der Delfin als Feministin mochte die nicht genderkorrekte Bezeichnung von „Ermittler“; war es doch Ausdruck dessen, dass Männern zwangsläufig Fehler bei dem Versuch einer neutralen Bewertung von Sachverhalten unterliefen.

Es klingelte zweimal kurz und sie betätigte den Türöffner, ohne vorher das Kauderwelsch-Hin-und-Her-Ritual über die Gegensprechanlage einzuleiten. Hauptkommissar Peter Gernsheimer betrat mit seinem Kollegen Hauptkommissar Hendrik Blech die Wohnung und schloss die Tür hinter sich, die der Delfin offengelassen hatte.

„Guten Morgen nochmals; „Danke, dass du Zeit hast“, sagte Peter Gernsheimer. Mit Anfang fünfzig war er etwas in die Jahre gekommen, aber man sah ihm an der Art, sich zu bewegen und vor allem an den Augen noch die SEK-Vergangenheit an, auch wenn er einen sehr kommunikativen und dialogoffenen Stil in seiner Abteilung und in der Kommunikation mit anderen Abteilungen pflegte. Formalismus und Dienstweg waren nicht seine Leidenschaften.

„Ihr wisst doch genau, wann ihr mich wo findet. Setzt euch. Ihr seid aber schnell hergekommen.“

„Wir kommen zu Fuß vom Präsidium Löwengrube. In den nächsten Tagen ziehen wir komplett in die neuen Räume, dann sind wir noch dichter bei dir.“

„Das wird hier kein Dauerzustand!“, entgegnete der Delfin und wies auf den gedeckten Tisch. Kommissar Hendrik Blech war erst seit einem Jahr in München. Er kam aus Hamburg und war dort verdeckter Ermittler im Bereich organisierter Kriminalität gewesen, bis sie ihn zu seiner eigenen Sicherheit versetzt hatten. Er war durch ein Missgeschick enttarnt worden. Blech war norddeutsch blond, hatte blasse Haut, hatte etwas schmächtig, markantes, ebenmäßiges Gesicht und konnte gehen, wie ein Model oder der Student von nebenan sein. Wie schnell und durchtrainiert er war, sah man ihm unter den schlaffen Jacken, die er meist trug nicht an. Er war eher der Typ Freeclimber als Kugelstoßer. Seit neun Monaten war er jetzt in der Ermittlungsgruppe, die aus einer Stammbesetzung von acht Kollegen bestand, der er jetzt angehörte. Weitere Kollegen und besonders fachlich spezifizierte, wurden im einzelnen Bedarfsfall bundesweit hinzugezogen. Der Delfin gehörte weder zum Stammpersonal noch zu den Experten. Sie war die Person mit dem richtigen Riecher und erklärte selbst ständig und ungefragt, dass sie frei von Begabungen sei. Dennoch hatte sie sämtliche Unbedenklichkeitsbescheinigungen, die in den Bereichen, in denen sie assistierte, erforderlich waren, um ungehindert mitwirken zu können, auch wenn sie formal keine Weisungsbefugnis hatte.

„Peter, du hast nicht von der Akte gesprochen, sondern von Akten.“