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Dogs' Talks

Folge 2

Künstliche Intelligenz

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Mann, bin ich aus der Puste. Der Mann von meinem Frauchen will mir was Gutes tun und joggt mit mir zum Englischen Garten. Ein Spaziergang hätte es auch getan. Besser noch wär’s mit der Tram gewesen. Das Fahrrad habe ich ihm fast abgewöhnt. Ich bin einfach häufiger stehen geblieben und habe so getan, als müsste ich mal oder habe angebliche Spuren untersucht. Ein Vorteil, dass Menschen so schlecht riechen und riechen können. Dass bei leichtem Regen selbst für uns Hunde die Duftspuren verwischen, ist bei ihm noch nicht angekommen. Aber jetzt joggen wir. Ich laufe. Die Resultierende ist das Verhältnis der Beinlängen. Er ist eisern – mit Anfang fünfzig, als Psychologe an seinem freien Tag – will es noch mal richtig wissen. Mein Frauchen ist jünger als er und spielt in der Band, auch wenn sie mehr singt, als dass sie auf ihrem Keyboard spielt. Da gibt es andere und die sind besser, aber ihre Stimme hat ein schönes, rauchiges Timbre.
Er will irgendwie mithalten. Dazu gehört anscheinend, dass er sich fit hält oder fitter wird. Der Vorteil am Laufen ist, dass er mehr zuhört – oder besser gesagt, weil er mit sich zu beschäftigt ist. Beim Spazierengehen oder wenn wir mit der Tram fahren, wird er nicht müde, mich zu loben und zu bestätigen – als würde ich beim Gassi gehen daran arbeiten, irgendwo drin olympisches Gold zu erringen.

Endlich sind wir da. Wir sind die Ersten, es noch kein anderer da. Ach, da vorne sitzt Paulchen bei seiner Familie auf der Bank. Ich geh mal hin, bevor der Mann meines Frauchens wieder zu Luft und Worten kommt.

Das war eine Woche. Das Wetter war zwar nicht so bescheiden wie angekündigt, dafür alles andere bayernweit. Zuhause gegen Freiburg geboren verloren. Vielleicht sollte ich Sechziger-Fan werden, aber die heißen ja auch Löwen und das geht mir als Hund gegen den Strich. Nun sitzen die Großen da, ein Titel weniger als geplant, mit einem neuen, teuren Trainer, einem beurlaubten, sinnlos verliebten, urlaubsliebenden Trainer auf Abruf und einer Clubleitung, der nachgesagt wird sie würde auf ihrem Weg zur Internationalisierung untrer bayerischem Identitätsverlust leiden.
Die Aktien von künstlicher Intelligenz geht durch die Decke und kaum einer verknüpft das mit den so lang befürchteten Auswirkungen der Digitalisierung. Komisch eigentlich, denn jetzt gehts nicht nur um die einfachen Jobs. Jetzt müssen vielmehr Menschen fraglos kriegen aber noch sind sie begeistert, dass sie mit dem neuen Hilfsmittel spielen können und sich schon jetzt den Telefonassistenten sparen. Was für eine Erleichterung, da die ethische Frage Künstliche Intelligenz als Entscheidungsträger erst auf die lange Bank geschoben werden kann und man selber mit einer kurzen Beschreibung zum Filmregisseur warten kann. Das war eine Woche. Mord Tod Schlag. Unfälle vom Amokläufer, Betrunkenen – bis zu Kindertätern – war wieder alles dabei. Kindertäter! Es wird nicht lange dauern, und der Corona-Lockdown und die damit verbundene Desozialisierung sind schuld daran, dass Kinder zu Mördern werden. Der Psychologe, der neben mir läuft, ist zwar kein Kinderpsychologe aber auch er wird auch noch auf dieses dankbar platte Argument kommen. Dass jeder Köter versucht nach Aufmerksamkeit haschend, in die Öffentlichkeit zu kommen, wird scheinbar weniger als Problem gesehen, sondern eher als Zeitgeist.

Ich, Alberto, gehe Seite an Seite mit meinem Herrchen in den Englischen Garten. Ich liebe es. Im Gegensatz zu seiner Frau und den Kindern spielt er nicht viel mit mir, aber das braucht er auch nicht, wenn ich mit den anderen Hunden nicht sportlich betätige oder mich unterhalte. Natürlich jage auch ich ganz gern mal einen zerkauten Ball hinterher, allein um mich zu bewegen und zu zeigen, wie wendig ich trotz meiner Figur und meines Alters noch bin. Am liebsten habe ich aber Kraftspiele, wo es um Brücken schieben und lange entgegengehalten geht. Da bin ich stur und schwer von der Stelle zu bekommen.

Hallo Paulchen. Diesmal mit der ganzen Familie?

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Ja, alle haben Urlaub und heute ist das Wetter ja einigermaßen beständig. Bisher.

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Und, fahrt ihr weg?

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Ja. Von Sonntag bis Dienstag fahren wir zur Oma aufs Land. Es ist schön da. Die Kühe sind zwar gewaltig, aber irgendwie ist auf dem Land alles größer. Die Nachbarshunde auch aber ruhiger als die in der Stadt. Da nimmt dich als kleinen Hund niemand einfach aus Lust und Laune zwischen die Zähne. Auf dem Land wirst du höchstens mal ein „Nerv mich nicht!“ hören. Ich spiele ein bisschen mit den Hühnern. Die laufen aufgeregt durcheinander, solange bis der Hahn kommt, der richtig sauer werden kann. Ansonsten viel essen und viel schlafen und die frische Luft genießen. Und du?

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Bei uns stehen die Tage unter dem Motto: „Ostern im Proberaum“. Es wird jeden Tag lange gehen und irgendwann werden sie auslosen, wer mit mir rausgeht. Ich könnte auch zuhause bleiben aber beim Psychologen ist Ostern Hochsaison für Privatpatienten, die ihn anrufen. Das nervt wirklich.

Ah, da kommen George und Alberto. Aus einer Richtung?

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Hallo ihr Beiden!

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Kommt ihr Beide aus Schwabing?

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Was für eine Frage. Nein wir kommen vom See. George wollte sehen, wie schnell der Sommer kommt.

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Wie bitte, George. Du gehst zum See, um zu sehen, wie der Sommer wird?

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Genau kann man das nicht sagen aber ein schneller Temperaturanstieg und eine bevorstehende Warmphase kann man etwas daran erkennen, wie stark die Frosch- und Krötenwanderung ist. Die haben garantiert kein Interesse daran, lange zu laufen, sich zu paaren, um dann zuzusehen, wie ihre Brut einfriert.

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Dann bist also nicht du der Wetterfrosch, sondern der Wetter-Neufundländer.

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Es ist wie überall. Wenn man Daten miteinander verknüpft, erhält man Ergebnisse. Wie gut die Ergebnisse sind, hängt von der Menge und der Qualität der Daten ab. Nimmst du falsche Regeln oder ziehst die falschen Rückschlüsse, sind die ganzen Daten Müll.

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Das ist ja wie bei künstlicher Intelligenz.

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Wie kommst du jetzt auf künstliche Intelligenz?

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Alle reden doch darüber. Im Internet für Suchmaschinen, als Chat-Bots, für Texte, Bewerbungen, ja sogar für Film und Musik. Einer hat bei seinem Hund eine seltene Krankheit diagnostizieren lassen, die die Ärzte nicht auf dem Schirm hatten.

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Schöne, neue Welt! Bin gespannt, was da auf uns zukommt. Alberto, bald hat deine Familie den ganzen Tag für dich Zeit, weil alles vollautomatisch läuft. Das, was gekocht wird, bestimmt die Statistik. Wann und wie es gekocht wird, Wareneinkaufspreise und Verfallsdaten.

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Dann hätte sich soweit nichts geändert. Wir bekommen auch mit, was unsere Gäste am liebsten essen. Hauptsache es bleibt alles hausgemacht, damit unsere italienische Note erhalten bleibt. Dafür kommen unsere Gäste.

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Aber nicht mehr lange, wenn ihr die Preise erhöhen müsst. Hallo zusammen.

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Hallo Bienchen. Wieso die Preise erhöhen? Und wieso müssen?

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Frische Ware im Einzeleinkauf kann sich doch kaum ein Restaurant noch leisten. Nicht unbedingt wegen der Ware, sondern hauptsächlich wegen der Personalkosten. Das ganze Schnippeln und Abschmecken. Wer paniert heute noch ein Schnitzel selber?

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Piccata Milanese? Wir machen das! Wieso?

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Wie rührend. Die Zeiten sind eigentlich schon vorbei. Ihr habt Glück, weil die ganze Convenience-Produkte. Das alles schön fast fertig und vorportioniert. zum Teil sogar vorgegart.

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Das kommt uns nicht ins Haus.

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Der Prozess ist schleichend. Es fängt an mit gehobenem Parmesan, der vorgegarten Ofenkartoffel, Mischgemüse, Röstzwiebeln und fertigen Saucen, weil keiner nachts aufstehen will, um nicht vorhandene Knochen anzurösten.

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George, ist dann künstliche Intelligenz auch sowas wie Convenience Essen?

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Im Prinzip ja und auch nicht, weil künstliche Intelligenz, auf Befehl Beides machen kann, folgend, also mit dem Trendstrom etwas machen oder aber auch in eine andere Richtung gehen, auch gegen den Strom. Das hängt damit zusammen, dass digitale Ergebnisse sich häufig nicht um Maschinen und Fertigungstechniken kümmern müssen. Aber im Großteil hast du recht. Es wird, statistisch gesehen, auf eine Gleichmacherei herausgelaufen. Selbst die Überhöhungen. Basierend auf gemeinsamen Regeln für das Gewohnte, das Übliche.

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Aber dagegen kann man sich doch wehren, indem man das vorgibt, was man selber mag.

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Schon richtig aber letztendlich stellt sich die Frage wie weit du so einen Schnellschuss noch als dein eigenes Produkt, als Ergebnis deiner eigenen Arbeit deiner Kreativität, deiner Zeit und deiner Leidenschaft bewertest. Ich will damit nicht die Qualität des Produktes damit über den Leidensweg des Schaffenden definieren.

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Leute, findet ihr nicht auch, dass George manchmal so aussieht wie Karl Marx?

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Jetzt wo du’s sagst. Aber ich finde, er hat schon recht. Irgendwie. Wir dürfen es nicht zu einer Entfremdung von unserer Leistung kommen lassen. Dann wäre ja die gewonnene Freizeit sowas wie das Ergebnis eines Ablasshandels.

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Gut gesagt, Belferlein. Setzen. Innovation und Fortschritt waren schon immer ein Problem für bestehende Systeme. Das aktuelle Problem ist die Geschwindigkeit, dass sich viele Dinge schon innerhalb einer Generation abspielen. Das bringt die gesellschaftliche Ordnung durcheinander, weil sie so schnell nicht folgen kann und häufig auch nicht will.

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Ist es nun gut oder schlecht?

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Der Mann meines Frauchens würde sagen, dass es weder gut noch schlecht an sich ist, sondern es darauf ankommt, wie man damit umgeht und wie weit sich alles in ethisch-moralischen Grenzen bewegt.

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Wenn es nur so leicht wäre. – Ich muss los. Mein Kumpel ist frisch verliebt. Heute will er mit mir einen guten Eindruck machen, nicht das es ausgeht wie seine Ehe, bei der wir beide vor die Tür gesetzt wurden.

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Ist es die Hübsche, die er über das Internet kennengelernt hat?

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Genau die Dame ist es.

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Alles schön und gut. Künstliche Intelligenz, Kennenlernportale und letztendlich kann doch der Geruch eines Hundes über eine gemeinsame Zukunft von zwei Menschen entscheiden?

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Groß, die Macht in uns ist.

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