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Noch 10 Tage – 6 Tote

Der Delfin – Mörderische Panik

Schrifteinstellung

An einem sonnigen Morgen in schon warmen, späten Apriltagen schlüpfte ein Entenküken aus seinem Ei. Sie wusste noch nicht, dass sie Tapsi heißen würde, denn Enten geben ihren Kindern erst nach dem Schlüpfen ihren Namen.

Die Essenz des Grauens ist doch nicht sein Gehalt,
sondern sein Effekt.

6Tote, 53 Verletzte. Massenpanik im Münchner Kaufhaus Hintergruber. Tränengas. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.“

Das sich in lärmenden Lettern anpreisende und Sachverhalte schablonisierende Organ brachte es wieder auf den Punkt. Der Delfin wollte keine Zeitung kaufen; tat sie auch nicht. Dennoch hämmerten sich die flüchtigen, hieroglyphenartigen Worte, im Sinne einer nahezu bildhaften Vereinfachung in das Bewusstsein und schlichen sich nebenbei in das Unterbewusstsein der zufälligen Erfasserin von Information, die diese weder angefordert hatte, noch sich ausgiebig mit dem Leid der Menschen, dem Unrecht und dem kriminellen Wahn des Täters auseinandersetzen wollte.
„Es gibt viel Elend auf der Welt. Das meiste könnten wir vermeiden. Wir wären in der Lage, Naturkatastrophen zu verhindern oder zumindest besser vorherzusagen. Den punktuellen Ausbruch von gedanklichem Wahnsinn, dem nicht zwingend eine pathologisch feststellbare Störung zugrunde lag, war die Welt ausgeliefert wie ein Säugling. Wenn gefühlt überall etwas passiert“, dachte der Delfin, „ist man eher geneigt, das Geschehen mit Superlativen zu bewerfen und am Ende des Jahres im Fernsehen erfahren, welche Ereignisse es unter die Top Ten geschafft hatten.“
Der Delfin orderte ihre Zigaretten, während sich ihr Hund ›Mobbel‹ auf die türkische Tageszeitung setzte und bettelte. Der mickrige Stapel lag im Weg, auf dem Fußboden. Er war genau dort platziert, von wo man sich als bedeutungsvoller Hund bestens positionierte um direkt, aber unaufdringlich den Zeitungshändler an seine Pflicht zur aktiven Kundenbindung zu erinnern. Es funktionierte immer und hätte bei Mobbel auch ausgereicht, wenn er im Eingang stehen geblieben wäre oder seinen gewaltigen Kopf mit den Speichel absondernden Lefzen auf den Verkaufstresen gelegt hätte. Mobbel war ein pechschwarzer Neufundländer mit der Norm-Risthöhe einer männlichen Deutschen Dogge von fünfundachtzig Zentimetern. Er war sauber und trocken, sodass die Zeitungen unbeschadet blieben. Gut so; der Delfin sprach kein Türkisch.
Es war acht Uhr fünfzehn, als der Delfin mit Mobbel auf den Isarwiesen ankam. Wie jeden Morgen verrichtete der Hund sein Geschäft und bewegte sich kaum auf der Wiese. Er trottete schnurstracks zur Isar und ging schwimmen, bei jedem Wetter, außer im Winter. Auch er hatte seine Grenzen. Sie trödelten zurück und waren beide in ihrer täglichen Routine. Häufig trafen sie dieselben Menschen, die ebenfalls in ihrer eigenen Routine waren. Dietmar bog in die Reichenbachstraße ein. Er saß in seinem pinkfarbenen City-Flitzer mit dem Werbeaufdruck seines Ensembles aus Hotel, Gaststätte, Bar und Badehaus. Beide sahen sich, winkten sich zu und lächelten.
Für Touristen unvorstellbar, dass der Alltag hier täglich stattfand. „Welche Ironie“, dachte der Delfin. „Wenn der Mensch durchschnittlich dreihundert Mal am Tag lügt, dann sind diese Arten von Begrüßung, hier, auf der Straße, garantiert nicht mitgezählt.“
Man freute sich ehrlich übereinander und miteinander. Genauso sagte man sich die Meinung, wenn man es für erforderlich hielt. So betrachtet, könnten die Zugereisten, die hier auf der Suche nach Anerkennung und Ambiente waren, auf die dreihundert Lügen am Tag kommen.

Der Delfin ging die Fraunhoferstraße zurück und bestellte sich ein Croissant beim Bäcker, während sich der nasse Hund vor der Tür schüttelte. Die meisten Passanten wohnten hier an der Grenze zwischen Gärtnerplatzviertel und Glockenbachviertel und sie kannten den Delfin und den Hund zumindest vom Sehen oder mehr oder weniger noch, dem beiläufigen, freundlichen Grüßen, auch von Unbekannten, das eine Eigenart hier war. Die Welt war im Umbruch, die Stadt im Wandel. Autos raus, Fahrräder her. Wohnpreise und Wohnungskosten stiegen in utopische Höhen, fingierte Abmahnwellen bei der Umstrukturierung zu Wohneigentum, weil irgendein Verwalter und Hausbauer das Objekt gekauft und besser verwerten wollte. Es war unlogisch, anzunehmen, dass der Charme einer lokalen Bedarfsdeckung auch bei Nebenwohnungen erhalten bliebe. Diejenigen, die länger hier wohnten, versuchten zumindest über das Grüßen und kurze Gespräche den lokalen Charakter der neuen Weltstadt, die nicht wusste, wie sie damit umgehen sollte, durch Pflege der Kontakte und Einhaltung simpelster, gern aufrechterhaltener, ungelogener Benimmregeln, zu erhalten.
Der Delfin zahlte beim Bäcker, als ihr Handy klingelte. Es war kein Klingeln, dem Wortlaut nach, sondern es spielte ›La Mer‹ von Jean Trenet. Der Delfin hatte sich dieses Klingellied runtergeladen, nicht nur, weil es ihr gefiel, sondern weil es dezent begann. Das ständige, laute Geklingel mit mehr oder minder originellen Versuchen der Individualisierung war nicht Sache des Delfins. Es mochte sein, dass extrovertierte Klingeltöne beim Angerufenen Frohlocken hervorriefen, so wie der Delfin immer verzückt war, ›La Mer‹ zu hören auch wenn sie den Anruf selbst eher als störend empfand und nicht selten geneigt war, das Lied zu Ende zu hören. Bauarbeiten machten Lärm. Mussten sie auch. Lautstarkes Parlieren von Menschen, die scheinbar die Welt an ihrem Leben teilhaben lassen wollen, empfand sie als ungebührlich aufdringlich; genauso, wie mit einem Klingelton auf sich aufmerksam zu machen, wie ein Auerhahn in der Balz, bevor er feststellt, dass er eine Wachtel ist und nicht einmal das größte oder bunteste Hähnchen.

„Ja“, sagte sie leise, ins Handy, wie immer, ohne vorher nachzusehen, wer sie anrief und ging schnell aus der Bäckerei zu ihrem fast trockengeschüttelten Hund auf den Gehweg.
„Guten Morgen, Delfin. Hier ist Peter, wir haben ein Problem.“
Peter war Leiter der Ermittlungsgruppe ›Atypische Sondertatbestände‹ des Landeskriminalamts Bayern. Diese spezielle Ermittlungseinheit ist vom bayerischen Innenminister erfunden worden und wurde von ihm ins Leben gerufen. Die Einheit kümmerte sich um alle Fälle, die einen hohen Grad an Unsicherheit bezüglich von Tatmotiven hatten. Sie war interdisziplinär ausgerichtet und war für die Tatbestände zuständig, in denen eine strategische Serientäterschaft oder ein Verfahren oder Angriffsziele nicht vorhandenen Ermittlungsgruppen zuzuordnen waren. Ermittlungen konnten sich über lange Zeiträume ziehen, bis sich so etwas wie ein Bild ergab und man in die Nähe von einem Ermittlungserfolg kam. Es waren auch einige ältere, ungelöste Fälle in den Akten der Abteilung, wenngleich es nicht ihre eigentliche Aufgabe war, ›Cold Cases‹ zu verfolgen. Auch in solchen, ungelösten, übernommenen Fällen lagen zuweilen fehlende Motive, atypische Muster oder Tatserien vor. Bei einigen Fällen wurde der Delfin hinzugezogen.
„Guten Morgen, Peter. Kaufhaus Hintergruber? Kein Einzelfall?“, fragte der Delfin, ohne auf eine Einleitung zu warten.
„Wir wissen es nicht. Wir haben keinen aktuell genau vergleichbaren Fall. Die Bauart ist uns vorher, das heißt, bis vor sechs Monaten, noch nicht untergekommen. Selbst da sind wir uns unsicher. Es gibt kein einheitliches Muster, außer der Bauart der Bomben beziehungsweise Zündsätze – weil sie sich alle selbst zerstört haben. – Das haben sie gemeinsam. Es scheint mehr dahinter zu stecken. Wir ermitteln in alle Richtungen, befragen immer noch die Zeugen. Bisher ergebnislos.“
„Lieber Peter, dass Bomben dazu neigen, bei erfolgreicher Zündung, sich selbst zu zerstören, liegt irgendwie in der Natur von Bomben. Sei bitte präzise.“
„Präzise gesagt, liegt es nicht in der Natur von Gasgranaten oder Rauchbomben, sich selbst zu zerstören. Das hat hier ein zusätzlicher Brandsatz erledigt, wahrscheinlich, um bei über zweitausend Grad, möglichst viele Hinweise zu schmelzen, wie eine Kugel Pistazieneis auf einem schwarzen Autodach im Sommersonnenschein. Sorry, ich bin sauer.“
„Wie kommt ihr dann darauf, dass es ein Wiederholungstäter sein könnte, wenn ihr kein inhaltliches Muster habt? Das ›Wesen‹ der Bomben?“
„Bist du schon zu Hause?“
„In zehn Minuten.“
„Wir kommen vorbei und bringen die Akten mit. Bis gleich.“
„Akten?“, fragte der Delfin, aber Peter Gernsheimer hatte schon aufgelegt.